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Sie hat versucht Lösungen für mich zu finden.

In einer Welt voller Herausforderungen und Hindernisse kämpft Sadio aus Guinea um sein Überleben und seine Identität. Als Unterstützung steht ihm die engagierte Sozialarbeiterin Frau M*. zur Seite, die ihn versteht und nach Lösungen sucht. Eine Geschichte von Mut, Entschlossenheit und der Suche nach einem Platz in der Welt.

Echte Einblicke ins Jugendamt

Eine Aufzeichnung von Renate Eder-Chaaban

Das Jugendamt löst bei vielen Menschen Ängste aus. Doch erhalten sie dort vor allem viel Unterstützung. Eltern und Kinder berichten, wie ihnen die Behörde geholfen hat.

„Sie war die einzige Person, die meine Schmerzen verstand und versucht hat eine Lösung für mich zu finden“

Nein, der 21-jährige junge Mann aus Westafrika möchte nicht anonymisiert werden. Er möchte seinen richtigen Namen in dieser Geschichte lesen. „Ich heiße Sadio und komme aus Guinea.“ Das ist ihm wichtig! Vielleicht, weil es das einzige gesicherte Stückchen Identität ist, das er noch hat.

Sadio ist in einem Dorf nahe Guineas Hauptstadt Conakry geboren und aufgewachsen. Als er sieben Jahre alt ist, verunglücken seine Eltern bei einem Autounfall tödlich. Ein Onkel nimmt ihn bei sich auf, aber ein schönes Leben ist das nicht. Während seine Cousins und Cousinen in der Schule sind, muss er im Haus und auf dem Feld arbeiten. Manchmal darf er in den Unterricht und ist dann mit Begeisterung dabei. Wie ein Schwamm saugt er alles auf. Hier trifft er auch André, der bald sein Freund wird. Eine Freundschaft, die der Onkel nicht gerne sieht. Denn André ist Christ und Sadios Familie muslimisch. Als die beiden Jungen eines Tages zusammen in den Gottesdienst gehen, ist der Onkel außer sich. Er befürchtet einen Religionsübertritt des Neffen und verprügelt ihn, droht sogar, ihn umzubringen.

Spätestens jetzt weiß Sadio, dass er weg muss. Weg von dieser Familie, weg aus diesem Land. Seine Tante, die mitbekommen hat, dass er fliehen will, steckt ihm heimlich ein bisschen Geld zu. Er ist 14, als er ein paar Habseligkeiten zusammenpackt und eines Nachts unbemerkt das Haus verlässt. Einen Reisepass oder Ausweis hat er nicht, lediglich eine auf einen Zettel gekritzelte Telefonnummer mit der Vorwahl 0049 versteckt er in seinen Sachen. Das ist die Nummer eines anderen Onkels, der schon seit Jahren in Deutschland lebt. Wo, weiß er nicht, aber er weiß, dass er diesen Zettel nicht verlieren darf!

Wenn er diesen Abschnitt seines Lebens erzählt, gerät er heute, acht Jahre später, immer noch ins Stocken. Damals nimmt ein LKW-Fahrer Sadio mit bis nach Mali. Bamako ist die erste Station seiner langen, gefährlichen Reise. In der malischen Hauptstadt lebt Sadio auf der Straße. Tagsüber verkauft er an Straßenkreuzungen Papiertaschentücher, abends bekommt er von seinem „Boss“ etwas zu Essen und einen kleinen Lohn. Nachts versteckt er sich und schläft in Nischen von Häusern oder in kleinen Parks. Es gelingt ihm, ein bisschen Geld zu sparen und dann auf eigene Rechnung in das Geschäft mit den Papiertaschentüchern einzusteigen. Der Erfolg gibt ihm Recht, er kann jetzt mehr Geld zur Seite legen.

Nach etwa sechs Monaten reist Sadio weiter nach Niger. Auch dort lebt er auf der Straße.  Wieder arbeitet er als Straßenverkäufer und verdient sich ein bisschen Geld. Er trifft auf eine Gruppe Jugendlicher, die nach Europa wollen und schließt sich ihnen an. Gemeinsam machen sie sich mit Hilfe eines Schleppers auf den Weg quer durch die Wüste nach Libyen.

„Es ging darum, Vertrauen aufzubauen, denn der Junge hatte Schreckliches erlebt.“

Mit stockender Stimme erzählt er: „Die Fahrt durch die Sahara war gefährlich, das wussten wir. Aber als das Fahrzeug mit einem Motorschaden liegenblieb und der Fahrer verschwand, dachte ich, jetzt ist alles aus.“ Aber die Gruppe hat keine Wahl. Zu Fuß weiterlaufen macht keinen Sinn. Warten ist die einzige Option. Aber die Tage unter der glühenden Sonne vergehen langsam. Der Schatten ist spärlich und am fünften Tag geht ihnen das Wasser aus. „Da tauchte der Fahrer plötzlich wieder auf. Er hatte die Ersatzteile bekommen und reparierte das Fahrzeug.“ Heilfroh über diese glückliche Wendung fahren sie weiter durch die Wüste und erreichen nach drei Tagen Libyen.

Doch dort droht neues Unheil. Kurz nach ihrer Ankunft werden Sadio und seine Weggefährten von dem Schlepper als Arbeitssklaven verkauft. Tagsüber müssen sie auf dem Bau schuften, nachts werden sie in ein Gefängnis gesperrt. Die lybischen Menschhändler haben ein perfides Geschäftsmodell entwickelt. Zuerst versklaven sie die Menschen, dann erpressen sie von deren Familien Geld. Nach Zahlungseingang lassen sie ihre Gefangenen frei.

Die Familien seiner Weggefährten zahlen, aber Sadio hat niemand, den man erpressen kann. Wieder hat er Glück im Unglück. Sein „Herr“ hat Mitleid mit ihm und verschafft ihm einen Platz auf einem Boot. Sadio hat Angst. Er will nicht aufs Meer. Doch er weiß, er hat keine andere Wahl. Um hier wegzukommen, muss er sich auf dieses Abenteuer einlassen. Insgesamt 27 meist junge Menschen besteigen im frühen Morgengrauen das abgetakelte Schlauchboot. Bereits nach einer Stunde – Italien ist noch lange nicht in Sicht – versagt der Motor. Wasser schwappt in das Boot, es droht zu sinken. „Wir haben das Wasser mit unserer Kleidung oder den bloßen Händen aus dem Boot geschöpft.“ Sie kämpfen ums Überleben, aber das gelingt nicht allen. „Manche sind über Bord gegangen und ertrunken“, berichtet Sadio mit erstickter Stimmen und kämpft mit den Tränen.

Nach einer Weile geht es wieder und er erzählt weiter: „In dieser Situation habe ich das Bewusstsein verloren und bin in ein Koma gefallen. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass plötzlich ein Schiff vom Roten Kreuz auftauchte und uns gerettet hat.“ Erst in einem Krankenhaus in Pisa wacht er wieder auf und stellt fest, dass der Zettel mit der Telefonnummer seines Onkels weg ist. Er hat seine einzige Hoffnung verloren. Aber er gibt nicht auf. Zusammen mit gleichaltrigen Jungen macht er sich auf den Weg über Frankreich und Belgien nach Deutschland.

In Köln wird Sadio schließlich von der Polizei aufgegriffen. Sie nehmen ihn mit auf das Revier, untersuchen und befragen ihn. Als sich herausstellt, dass er erst 16 Jahre alt ist, schalten die Beamten das Jugendamt ein. Nach der erkennungsdienstlichen Behandlung wird er im April 2017 vom zuständigen Jugendamt in Obhut genommen. Er kommt in eine Wohngruppe mit anderen jungen Geflüchteten. Aber dort sind überwiegend Afghanen und Syrer, Sadio ist der einzige Afrikaner. Er versteht kein Deutsch und niemand spricht Französisch. Wie schon so oft in seinem Leben fühlt er sich allein und verlassen.

Aber dann bekommt er Verstärkung. Abu Bakr*, ein Junge aus Guinea, wird in seine Wohngruppe verlegt. Endlich hat Sadio jemanden zum Reden. Die beiden verstehen sich gut und werden Freunde. In dieser Phase bekommen die beiden auch eine neue Betreuerin, Frau M*. Sie ist die zuständige Sozialpädagogin vom Jugendamt eines Landkreises, an das Sadio und Abu Bakr kurz danach in eine ländlichen Region weitervermittelt werden. Sadio und Frau M. verstehen sich auf Anhieb, obwohl Frau M. kein Französisch spricht. „Ich hatte immer einen Dolmetscher dabei und konnte so Vertrauen aufbauen. Das war dringend nötig, denn der Junge hatte Schreckliches erlebt.“

Schon bald gehen die Jungen in den Deutschunterricht. Aber während Sadio eifrig Vokabeln, Grammatik und Redewendungen lernt – „ich wollte mich unbedingt mit Frau M. unterhalten können“ –, hat Abu Bakr Probleme. „Für meinen Freund war Deutsch zu schwierig. Eines Tages war er weg, er ist einfach verschwunden – ohne ein Wort zu sagen“, erinnert sich Sadio.

Frau M. macht sich große Sorgen um ihn aber auch um Sadio: „Jeder Jugendliche, der verschwindet, ist in großer Gefahr. Deshalb hab ich alles daran gesetzt, dass sich die Jungen hier wohlfühlen und ankommen können.“ Sie hat schnell herausgefunden, dass der junge Gui­ne­er intelligent und ehrgeizig ist. Anderthalb Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland spricht er nicht nur ziemlich gut Deutsch, er hat auch die Hauptschule nach der 9. Klasse bestanden. „Das ist ein Erfolg, der nicht jedem jungen Geflüchteten gelingt“, berichtet Frau M. stolz.

„Ich habe alles daran gesetzt, dass sich die Jungen hier wohlfühlen und ankommen können.“

Im September 2018 beginnt Sadio eine Lehre als Koch. Wieder bricht seine Stimme, als er von dieser Erfahrung erzählt: „Ich lebte jetzt in einem kleinen Dorf und war wieder ganz allein.“ In der Arbeit klappt es auch nicht so richtig. Es gibt viele Aufgaben und wenig wird erklärt. Und auch persönlich kommt er nicht weiter, findet keinen Anschluss. Sadio, der leidenschaftlich gerne Fußball spielt, findet zwar eine Mannschaft, aber wenn die Jungs nach dem Abpfiff auf ein Bier gehen, wird der junge Afrikaner nicht gefragt, ob er mitkommen will. Auf Rassismus angesprochen, reagiert er verhalten: „Ich wollte eigentlich nicht darüber sprechen, weil ich hier in Deutschland so viel Hilfe bekommen hab. Da will ich mich nicht beschweren, wenn mich jemand verletzt.“

Trotz Einsamkeit und gelegentlicher Anfeindungen beißt sich Sadio durch. Er bricht die Ausbildung ab, lebt aber weiter auf dem Dorf. Jeden Morgen vor Sonnenaufgang macht er sich auf den weiten Weg in die nächst größere Stadt. Dort besucht er ein Berufskolleg und macht seinen qualifizierten Hauptabschluss. Auf Anraten seiner Lehrer beginnt er eine Ausbildung zum Sozialassistenten. In der Zwischenzeit ist es Frau M. gelungen, eine Anschlussmaßnahme für ihn zu finden. „Ich wusste, dass er in einer größeren Stadt besser aufgehoben ist. Auch eine afrikanische Community war wichtig.“ All dies findet sie schließlich in Dortmund und Sadio zieht um. In den ersten Monaten erhält er noch Unterstützung vom Jugendamt in Form von Hilfen zur Erziehung, aber schon bald ist er autonom. Er besteht seine Abschlussprüfung, findet einen Job in einer Behinderteneinrichtung, bezieht eine eigene Wohnung und bezahlt seine Miete selbst. Sadio ist zum ersten Mal in seinem Leben glücklich. Seine lange, gefährliche Reise ist zu Ende.

Aber darf er in Deutschland auch bleiben? Trotz Ausbildung und gesichertem Arbeitsplatz hat er nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Frau M., die mit Sadio immer noch in Kontakt ist, weiß, dass „er für eine Niederlassungserlaubnis einen gültigen Pass braucht“. Aber gültige Papiere hat Sadio nicht. Und obwohl er seit einigen Jahren immer wieder in der guineischen Botschaft in Berlin vorspricht, ist es ihm bis jetzt nicht gelungen, seine Papiere zu bekommen. „In meiner Heimat gab es einen Putsch und die Militärregierung interessiert das Schicksal ihrer Landsleute nicht“, erzählt Sadio resigniert. Resigniert ist er auch, weil er trotz der Suche durch das Rote Kreuz bis heute seinen Onkel nicht gefunden hat. Vielleicht will Sadio Bah auch deshalb seinen Namen in dieser Geschichte lesen, denn Aufgeben war für ihn noch nie eine Option.

* Die Namen aller beteiligten Personen sind geändert.

Geschrieben wurden diese Aufzeichnungen nach intensiven Gesprächen mit Betroffenen und Mitarbeitenden von Jugendämtern. Alle Beteiligten haben den Text autorisiert.

Unterschiedliche Meinungen über Hilfeleistungen und Unterstützungsangebote gehören zum beruflichen Alltag der Jugendämter. Es kommt immer wieder mal vor, dass Sie mit Entscheidungen nicht zufrieden sind, Probleme auftauchen, schwierige Erfahrungen machen oder Sie sich einfach über Ihre Rechte informieren möchten. Hierfür bieten Ihnen Ombudsstellen Hilfe an.