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Jeder Mensch hat das Bedürfnis, von Bedeutung zu sein.

Diese kluge Beobachtung stammt von Jeremias Thiel, der ein Buch über seine Kindheit in Armut geschrieben hat. Darin schildert er, wie er sich mit Hilfe von Unterstützern aus seiner prekären Lage befreit hat. Er musste leidvoll erleben, dass sich vermeintlich überwundene Armutserfahrungen auch nach vielen Erfolgserlebnissen nicht einfach abschütteln lassen.

Das Gefühl, ein Niemand zu sein, dessen Meinung, Pläne und Engagement nicht zählen, hatte der damals 9-jährige Schüler Jeremias Thiel in einer Situation, die sich später als Schlüsselmoment in seinem Leben erweisen sollte: Seine Grundschullehrerin sprach ihm keine Empfehlung für das Gymnasium aus, obwohl seine Noten dafür gesprochen hätten. Nicht, weil sie es ihm nicht zutraute, sondern aufgrund seines familiären Hintergrundes und dem Mangel an Unterstützung, der zu erwarten sei. „Auf dem Etikett, das man mir aufgeklebt hatte, stand: schlauer Kerl, aber arm, keine Unterstützung aus der Familie, schlechte Prognose“, erinnert sich Thiel. „Kaum etwas hat mich in meinem Leben so sehr aus der Fassung gebracht wie das Gefühl, dass all diese Menschen, die da über meinen zukünftigen Weg bestimmten, nicht an mich glaubten.“ Das Schmerzhafteste dabei: Es wurde ihm verwehrt, stolz auf sich zu sein. Die Einschätzung der Lehrerin ist für Thiel rückblickend der Auslöser für einen Wendepunkt in seinem Leben: Er richtet sich mit einem Hilferuf an das Jugendamt. Dort wird er umgehend an ein SOS-Jugendhaus vermittelt, in dem er weitere Unterstützung erhält. Einen ersten Meilenstein erreicht er, als er das internationale Abitur absolviert.

„Kein Pausenbrot, keine Kindheit, keine Chance“

Unter dem Titel schilderte Jeremias Thiel in seinem Buch, wie er sich mit Hilfe von Unterstützern aus seiner prekären Lage befreit hat.

Jeremias Thiel

Erste Hilfe durch das Jugendamt

In seinem Familienalltag, den er als sehr chaotisch beschreibt, war es der damals kleine Jeremias gewöhnt, Verantwortung zu übernehmen.

Seinen psychisch angeschlagenen Eltern gelang es nicht, für ihn und seinen Bruder verlässliche Strukturen zu schaffen. Doch wie konnte es einem Kind gelingen, sich aus seiner belasteten Lebenswelt zu befreien? „Ich habe mir Menschen gesucht, die mich unterstützten: im Jugendamt, in der Jugendhilfe, in der Schule, in der Tagesgruppe und so weiter“, erzählt Thiel. Er betont, dass er dem Mitarbeiter vom Jugendamt „bis heute sehr dankbar“ sei. „Er hat sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt, um für mich eine Unterbringung zu organisieren, auch wenn es erst mal nur ganz provisorisch war.“ Generell haben ihm die „konstante Nähe und Erreichbarkeit“ des Jugendamtes Sicherheit gegeben. Auch die pädagogische Arbeit wie beispielsweise die Zielgespräche fand er bereichernd. „Man gab mir das Gefühl, gehört und ernst genommen zu werden“, erinnert sich Thiel an die Kontaktaufnahme. Doch er hat nicht ausschließlich Lob für die Behörde. Er würde sich wünschen, dass sich das Jugendamt weniger stark an der Norm orientiert, sagt der junge Autor mit Blick auf die Ausbildungs- und Berufsberatung. Sein zuständiges Jugendamt, an einem sozialen Brennpunkt in Kaiserslautern gelegen, habe ihm wiederholt zu einer Ausbildung geraten, obwohl er schon als Jugendlicher ganz klar einen akademischen Bildungsweg vor Augen gehabt habe.

Fehlende Hilfestellung: das Erlernen von Selbstdisziplin

Kindern aus Armutslagen den Zugang zu Bildung erleichtern, ist ein Thema, das den 19-Jährigen tief bewegt.

„Unser Bildungssystem basiert auf Selbstdisziplin“, stellt er klar. „Aber viele Faktoren wie Strukturlosigkeit, gegebenenfalls psychosoziale Probleme, finanzielle Sorgen u.s.w. erschweren das Erlernen von Selbstdisziplin und damit den Zugang zu Bildung.“ Doch gerade Bildung sei nötig, um sich aus der Armut zu befreien. Woher sollen Entscheider im Bildungssystem wissen, ob eine akademische Ausbildung für Kinder geeignet ist, wenn diese nicht gelernt haben, wie man lernt? „Hier fehlt es ganz klar an einer Hilfestellung“, ist Thiel überzeugt. Er plädiert deshalb für den Ausbau von Ganztagsschulen, den Aufbau von Mentoringsystemen und Talentfonds, um an Bildungsnetzwerke anknüpfen zu können und Zugänge zu schaffen. Kindertagesstätten und Schulen mit Ganztagsangebot seien besonders wichtig, um der sozialen Segregation entgegenzuwirken. Zudem müsse dringend dafür gesorgt werden, dass Orte der Interaktion und sozialen Vielfalt wie Schulen, kirchliche Angebote, Jugendtreffs und Sportvereine „nicht noch mehr ausgedünnt und nach sozialen Schichten aufgeteilt werden.“

Die Zuschreibung „sozial schwach“ – eine Zumutung

Auch die sprachliche Stigmatisierung trägt aus Thiels Sicht dazu bei, die Gräben zwischen Kindern mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen weiter zu vertiefen.

Er fordert in diesem Zusammenhang, dass die Wort-Konstruktion sozial schwach für einkommensarme Familien oder Menschen mit formal niedrigem Bildungsabschluss generell nicht benutzt werden sollte. Mit sozial schwach werde impliziert, ein in Armut aufwachsender Mensch habe „nichts zur Gesellschaft beigetragen.“ Erfordert die tägliche Bewältigung von Armut nicht ganz im Gegenteil große Stärke? Insbesondere von den Kindern werde „eine nur schwer vorstellbare Stärke verlangt“, findet Thiel. „Armut ist unglaublich anstrengend. Eine unbeschwerte Kindheit bleibt dabei auf der Strecke.“

Armut bleibt kleben

Heute studiert Jeremias Thiel Umwelt- und Politikwissenschaften als Vollstipendiat am St. Olaf College in Minnesota. Seine belastete Kindheitsgeschichte könnte an dieser Stelle mit einem Happy End ausgehen.

Doch der junge Mann bleibt in gewisser Weise bis heute ein Einzelkämpfer, kann nicht wie seine Kommilitonen und Kommilitoninnen in den Ferien und an Feiertagen zum Auftanken in den Schoß der Familie zurückkehren. „Denn auch darin unterscheide ich mich ja von meinen Mitstudierenden: Ich habe kein selbstverständliches Familiennetz, das mich auffängt.“ Auch bei ungezwungenen Gesprächen fühlt er sich zuweilen ausgeklinkt: „Wenn jemand erzählt, er hat sich etwas gekauft, passiert es mir, dass ich den Preis in Toastbrot umrechne.“ Für Jeremias Thiel eine Art Währung, da sie in seiner Kindheit ein wichtiges Grundnahrungsmittel darstellte.

Appell an die Gesellschaft: Kommt raus aus eurer Komfortzone!

Thiels Anliegen ist es, mit seinem Buch und öffentlichen Auftritten in Funk, Fernsehen und Web, in Armut lebenden Kindern eine Stimme zu geben.

Dazu will er aufklären, dass Armut kein rein materielles Problem ist und „entsprechend nicht nur einfach mit etwas mehr Geld zu beheben ist.“ Man müsse vielmehr die Auswirkungen des materiellen Mangels in den Blick nehmen, betont Thiel. „Und diese Auswirkungen sind dramatisch.“ Nicht nur für die von Armut Betroffenen, sondern auch für die Gesellschaft. „Was Armut mit der Seele macht, hat nicht nur individuelle Folgen“, schreibt Thiel in seinem Buch. „Unsere ganze Gesellschaft ist davon betroffen, wenn Kinderarmut seelische Verletzungen verursacht.“ Was wünscht sich Jeremias Thiel von der Gesellschaft? „Dass die Leute aus ihrer Komfortzone kommen und Verständnis für arme Menschen zeigen. Dass sie ihre Vorurteile überdenken. Ich wünsche mir, dass sie soziale Verantwortung übernehmen“, denn, so Thiel, „unsere Seele ist keine Privatsache.“

Portrait von Natalie Deissler-Hesse